DIE UNABHÄNGIGE FACHZEITSCHRIFT FÜR HOCHZEITSMODE

Alessandra Rinaudo: Wie managen Sie das Kreativteam von Pronovias?

Sie gilt als eine der wichtigsten Brautmodendesigner weltweit: Alessandra Rinaudo ist Chefdesignerin von Pronovias Bridal und Chief Artistic Officer der Pronovias Group. Wie schafft sie es, ein Team von über 50 Kreativen zu motivieren?

Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?

„Ich würde mich selbst als eher durchschnittlich organisiert bewerten. Jeder Tag bei Pronovias ist anders und das liebe ich auch so an meiner Arbeit. Ich bin viel unterwegs, pendele nicht nur zwischen Mailand und Barcelona, dem Hauptsitz der Pronovias Group, sondern reise – zumindest habe ich das vor Corona getan – durch die ganze Welt. Ich brauche diese Flexibilität und nehme mir Zeit für Dinge, die wichtig sind. Es geht ja nicht nur um den Entwurf von Kleidern, sondern um das Erstellen von zusammenhängenden Kollektionen.“

Welche Rolle spielt Ihre eigene Pronovias Atelier-Kollektion in Ihrem Leben?

„Eine sehr große. Atelier Pronovias ist unsere Couture-Kollektion, hier können wir zeigen, was wir können, welche Qualität wir liefern. Auch die Ideen fürs Fotoshooting, das für die Kollektion 2022 mit seinem dramatischen roten Hintergrund aus roten Stoffrosen an ein italienisches Theater erinnert, kommen von mir und zeigen meine Passion für Oper und Theater. Aber für mich sind alle Kollektionen: St. Patrick, White One, Pronovias und Ladybird wichtig. Wir agieren mit der Pronovias Group global und präsentieren für jede Marke eine eigene Markenbotschaft, die wir nicht nur klar definieren, sondern auch visualisieren.“

Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste bei einem Brautkleid?

„Ich bin davon überzeugt, dass der perfekte Sitz das allerwichtigste ist. Ich möchte, dass Bräute sich an ihrem Hochzeitstag so wohl fühlen, dass sie über ihr Brautkleid gar nicht mehr nachdenken müssen. Das Kleid sollte ihnen ein Gefühl der absoluten Sicherheit geben.“

Wie sieht bei Ihnen ein typisches Meeting aus?

„Wir sind insgesamt zehn Designer, die wiederum ihre Teams führen. Jeder Brand hat einen eigenen zuständigen Kreativen. Uns vereint vor allem die Liebe zu hoher Qualität und die Haltung gegenüber Körperdiversität und gesellschaftlicher Vielfalt. In unseren Konferenzen besprechen vor allem die Strategie und wie wir sie dann in die Praxis umsetzen. Ich gebe vor allem die Struktur der Kollektion vor. Zum Beispiel, wie viele romantische Kleider oder wie viele im Boho-Style in die Kollektion aufgenommen werden. Ich sorge dafür, dass wir keine Kleider ‚am Markt vorbei‘ kreieren, sondern genau die, die der Markt in diesem Augenblick nachfragt. Vor allem Thomas Vasseur ist mir dabei eine große Stütze.“

Finden die Meetings digital oder in Präsenz statt?

„Meistens in unserem Headoffice in Barcelona. Dort bin ich oft, vor Ort haben die Meetings nochmal einen ganz anderen Drive.“

Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe?

„Die Prioritäten festzulegen. Und die verschieben sich natürlich. Unsere Kreativität beruht auf perfekten Organisations-Strukturen. Schließlich gilt es Lieferzeiten einzuhalten. Aber daneben ist zum Beispiel das #wedoeco-Projekt ein Herzensprojekt von mir.“

Wie lange arbeiten Sie bereits in der Branche? Wie halten Sie Ihr eigenes Inspirations- und Motivationsniveau hoch?

„Ich arbeite schon mein ganzes Leben in der Hochzeits-Branche. Ich bin quasi zwischen Brautkleidern aufgewachsen, als ich viele Stunden meiner Kindheit und Adoleszenz mit meiner Mutter im Atelier verbracht habe. Ich war schon immer fasziniert von den kostbaren Stoffen im Brautladen meiner Mutter. Es war schon damals, als wir die Nicole Fashion Group gründeten, mein Traum, Brautdesignerin zu werden und Kollektionen zu kreieren, in denen Bräute auf der ganzen Welt ihr Traumkleid finden können. Das ist für mich nach wie vor eine große Motivation. Ich bin von einem tollen Team umgeben, die Zusammenarbeit mit ihnen gibt mir Energie und wir motivieren uns gegenseitig. Die Inspiration für die Kollektionen kommt aus der ganzen Welt. Die aktuelle Pronovias Eden Kollektion ist beispielsweise inspiriert von Eden, dem verlorenen Paradies der unberührten Natur. Gerade in der heutigen Zeit wollte ich mich mit der Schönheit der Natur verbinden und uns an atemberaubende Orte voller Harmonie und Gelassenheit entführen.“

Viele Brautmodenboutiquen klagen derzeit über eine hohe Fluktuationsrate oder schlechte Stimmung im Team. Wie gehen Sie persönlich mit Herausforderungen im Team um?

„Erstens: Teamarbeit ist etwas, das man Tag für Tag verbessert. Es kann eine Herausforderung sein, mit unterschiedlichen Hintergründen, Kulturen, Mentalitäten zu arbeiten. Oft ist es die Interpretation, die Probleme macht. Zweitens: Keiner von uns ist perfekt. Wir sollten niemals urteilen und grundsätzlich nur über die Arbeit reden, nicht über die Person. Ich glaube, der Respekt vor einander ist entscheidend für eine gute Atmosphäre, selbst wenn wir über Verbesserungen und Veränderungen sprechen müssen. Respekt und gegenseitiges Vertrauen sind die Schlüsselworte, ohne die man kein gutes Team aufbauen kann. Am wichtigsten aber sind Leidenschaft, Empathie und die richtige Einstellung. In den Geschäften suchen Bräute nicht nur nach dem perfekten Kleid, sondern auch nach einer guten Atmosphäre und Unterstützung in einem entscheidenden Momenten ihres Lebens. Unsere Mission ist es, sie glücklich zu machen!”

Was würden Sie Brautmodengeschäften raten?

„Wenn Geschäfte auf Herausforderungen stoßen, kann es eine gute Option sein, einen Coach zu engagieren. Ein neutraler Blick auf das Geschäft hilft häufig. Aber es ist wichtig, das Coaching an die Realität des Ladens und des tatsächlichen Teams anzupassen. Kleine, kontinuierliche Änderungen im Detail können auf lange Sicht einen großen Unterschied machen.“

Wie unterstützen Sie als Teil der Pronovias-Gruppe die Digitalisierung in den Brautmodengeschäften?

„Die Digitalisierung war in diesem Jahr einer der Schwerpunkte der Pronovias-Gruppe. Während der Pandemie haben wir zusammen mit unseren Brautmodenfachhändlern digitale Termine angeboten, um den Erstkontakt mit den Bräuten sicherzustellen. Auch auf unseren sehr erfolgreichen Social Media Kanälen vernetzen wir uns täglich mit vielen Bräuten und bieten so unseren Partnern im Handel eine tolle Plattform. Unser digitaler Showroom, den wir zu Beginn von Covid eröffnet haben, als Messen nicht stattfanden, ist sehr modern und ermöglicht es Kunden, quasi wie auf einer Messe herumzuschlendern. Letztes Jahr haben wir den E-Service gestartet, bei dem Geschäfte den aktuellen Lagerbestand leicht einsehen und im Handumdrehen Kleider bestellen können. Im gleichen System bieten wir auch unsere hochmodernen Änderungsmöglichkeiten an. Bei vielen Kleidern können Ausschnitt, Rücken oder Ärmel geändert werden, damit die Braut ein maßgeschneidertes Kleid trägt. Es dauert nur wenige Minuten, diese Bestellung auszuführen. Auch die Pronovias-Website wurde im letzten Jahr neu aufgebaut und bietet viele neue Funktionen wie unsere Store-Banner oder das Termin-Tool. Bräute können Termine bei ihrem bevorzugten Händler in ihrer Nähe vereinbaren. Das ist eine gute Gelegenheit für die Geschäfte, zusätzliche Termine zu bekommen.“

www.pronovias.com

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